Die Nacht war weniger gut wie erhofft. Das Bett quietschte bei jeder kleinsten Bewegung und war unwahrscheinlich unbequem. In der Bar gegenüber wurde lautstark gefeiert und die Hitze tat ihr übriges. Ich wachte ständig nachts schweißgebadet auf und fand keine bequeme Position, in der meine Beine nicht sogar im Liegen schmerzten. Als dann irgendwann ein Hund so lautstark anfing zu bellen, dass nicht mal meine Kopfhörer es übertönen konnte und gefühlt über Stunden keine Ruhe gab, sah ich ein, dass Wiedereinschlafen trotz aller Müdigkeit zwecklos war.

Als dann um kurz nach 4 die Zeit zum Aufstehen kam war ich nicht wenig müde und schleppte mich Richtung Bad zum fertig machen, wo mir ein Mädchen aus einem der anderen Zimmer entgegen kam, weil sie bereits das dritte mal in der Nacht brechen musste. Leichenblass erklärte sie mir, dass sie aus einer der Quellen getrunken und das wahrscheinlich nicht vertragen hatte. Da am Vortag die eine Dusche übergelaufen war, hatten wir nur noch ein Bad und meine „Begeisterung“ hätte nicht größer sein können.

Während sich der Rest von uns fertig machte, dehnte ich draußen meine Beine in der Hoffnung, dass ich mich besser einlaufen konnte. Felix, Astrit und Jan hatten beschlossen, sich heute unserer Gruppe anzuschließen und so ging es für unsere Gruppe um 5 Uhr los bergauf, Richtung Pontevedra.

Man sagt immer Hochmut kommt vor dem Fall und ich hatte mich die letzten Tage ohne große Wehwechen außer den üblichen Muskelkater- und Anstrengungsschmerzen die Kilometer entlang gekämpft und war stolz darauf.

Doch plötzlich gelangte ich, noch bevor überhaupt der zweite Kilometer gelaufen war an meine Grenze. Es ging zu Anfang eine ganze Weile nur bergauf und meine Schienbeine und Knie schmerzten schon bei dem ersten Schritt. Irgendwann brannten meine Beine so hart und wurden so „heiß“, dass ich überzeugt war, dass es sich auch so anfühlen würde.

Ich schluckte schnell aufkommende Tränen weg und nahm eine Schmerztablette, um die Etappe zu schaffen. Auf einmal graute es mir richtig vor den kommenden 30 km. Jan stellte irgendwann fest, dass ich zurück fiel und spornte mich an weiter zu laufen. Irgendwann schien die Tablette zu wirken und ich hatte mich eingelaufen. Auf jeden Fall waren die Schmerzen wie unterdrückt und ich konnte mit einem Tempo weiterlaufen, dass ich wieder alle anderen überholte.

Der heutige Weg war undankbar. Es ging immer wieder lange und steil bergauf und immer wenn wir hofften, jetzt wird es wieder gerade, kam der nächste Hügel. Die Straßen führten uns in ein Waldgebiet, wo es dann nicht nur hoch ging, sondern auch noch uneben wurde und gerade Wegfläche durch Steine und Geröll ersetzt wurde.

Dennoch ging es für uns weiter, wir überholten etliche andere Pilgerer und trafen sogar das ein oder andere bekannte Gesicht wieder, das eine andere Etappenplanung unternommen hatte.

Irgendwann fluchte René über den Weg bergab und ich antwortete, dass bergab für mich erträglich wäre, bergauf mich aber mittlerweile am A*** lecken könnte, da drehte sich ein Pilger vor uns um und bekam einen Lachanfall, der uns dann zeigte, dass wir hier gerade einen deutschen überholte .

Wir alle stellten fest, wie stark die Finger anschwollen, da durch das ständige herabhängen das Blut rein floss. Ich versuchte immer meine Hände zeitweilig in die Rucksackriemen zu hängen, um dagegen etwas anzugehen. Man klebte am ganzen Körper, Gott sei dank war es neblig und die Sonne war hinter einer Wolkenwand versteckt, dennoch war es schwül und uns durch die Anstrengung heiß.

Es kam der Punkt wo ich einfach nur funktionierte, wo ich einfach nur weiter lief, egal wie sehr Beine und Füße schmerzten. Schweissgetränkt kam unsere Gruppe nach und nach bei einem Imbiss an, an dem wir alle einsahen, dass eine Pause nötig war. Eine kalte Cola erwies sich als das schönste auf der Welt in diesem Moment und wir ruhten unsere müden Beine und Füße für eine Weile aus. Es lagen noch 12 km vor uns.

Wir alle waren stolz auf Sonja, die sich - unterstützt von René und Jan - den Berg raufgekämpft und jeden Kilometer trotz des Knies hinter sich brachte. Ich war beeindruckt, weil viele hätten schon lange aufgegeben.

Ab dieser Pause nahm ich weiter Fahrt auf. Jan und ich bildeten die Spitze unseres kleinen Trupps und gemeinsam liefen wir mit zum Teil mehr als 6 km/h Geschwindigkeit in Pontevedra ein. Dreimal hätten wir uns fast verlaufen, weil die Pfeile undeutlich waren, doch als wir dann in einem Café auf den Rest warteten, hatte ich das Gefühl, ich könnte noch ein paar km weiter laufen.

Ab einem gewissen Punkt vergisst man die Schmerzen des Morgens, es zählt nur der nächste Kilometer, alles andere ist egal.

Bereits tags zuvor hatten wir Zimmer gebucht, da laut Sven die Herberge grausig war. Wir bezogen also ein kleines Haus mit 3 Schlafzimmern im Zentrum der Stadt und ich war noch nie so glücklich über eine saubere Dusche und Handtücher. Der Regenduschkopf war für mich purer Luxus und ich genoss es, in Frottéhandtücher gewickelt auf der Couch zu sitzen und die müden Glieder auszuruhen.

Für eine Stunde legte ich mich in das Wolkenweiche Bett und schlief augenblicklich ein. Das erste mal seit einer Woche hatte ich das Gefühl die Tiefschlafphase erreicht zu haben, als Sven mich weckte und wir (das darf man eigentlich keinem erzählen) bei Burger King unser Mittagessen holten.

Der Abend verlief ruhig, Sonja und ich gingen einkaufen, tingelten durch die Stadt und aßen ein Eis. Später setzten wir uns zu René, Chris, Felix und Jan, die in einer Bar tranken und Karten spielten.

Astrit und Caro schlossen sich kurz darauf uns an und es ging weiter in eine Bar in unserer Straße, weil auf dem nahe gelegenen Platz eine Band gerade den Soundcheck für ihr Konzert machten. Wir hatten gehofft, etwas von der Musik mit zu bekommen, doch die Band fing schlussendlich erst um halb 11 an zu spielen, als Sonja und ich bereits in unserer Küche saßen und noch ein bisschen erzählen.

Wie lange die Band spielte weiß ich nicht genau, sie hielt uns noch lange wach, doch mit Kopfhörern schaffte ich es, bald einzuschlafen.

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